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Immer wenn es dunkel wird

Draußen ist es schon lange dunkel. Die Luft ist kalt, aber angenehm und die Menschen schlafen. Zumindest die meisten. Das Fensterbrett ist die Schwelle zur Außenwelt, die in diesem Moment aber friedlich und leise dem Wind lauscht. Dort sitzt sie und hört Werke von Bach, Chopin, Tschaikowski und vielen anderen. Tschaikowski mag sie am liebsten, vor allem die Stücke aus „Der Nussknacker“. Irgendwie rufen diese Lieder eine starke Sehnsucht in ihr hervor und zugleich machen sie sie sehr glücklich. Es ist wie das Eintauchen in eine andere Welt, die sowohl aufregend, als auch entspannend ist.

Ein guter Moment, um nachzudenken. Worüber? Jedenfalls nicht Gott und die Welt, denn so etwas wie Gott gibt es für sie nicht. Und die Welt ist gerade auch eher Nebensache. Also woran denkt nun jemand, der nachts allein mit einem Bier und Musik am Fenster im dritten Stock sitzt und auf den leeren Park und die hohen Bäume blickt? Um ehrlich zu sein ist das schwerer zu beantworten, als gedacht. Hin und wieder tauchen Gedanken auf, wie der immer wiederkehrende Liebeskummer, aber so schnell wie sie gekommen sind, tauchen sie auch wieder ein in einen Wald aus dichtem Nebel. Ob ihr die Kraft ausgegangen ist, länger und intensiver über eine Sache nachzudenken? Oder ist es eine Art automatischer Selbstschutz, einfach mal alle Gedanken beiseite zu schieben und das kühle Bier zu genießen? Wahrscheinlich beides.


24.9.15 00:45


Misophonie

Ich weiß nicht mehr genau, wann es bei mir damit angefangen hat, dass ich empfindlich auf Geräusche reagiert habe, aber ich war wohl so um die acht oder neun Jahre alt. Es fing damit an, dass ich meinem Stiefvater dabei zugesehen habe, wie er etwas isst und die Geräusche, die er dadurch verursacht hat, haben mich innerlich zusammenzucken lassen. Meine Gefühle waren ziemlich gemischt, ich war wütend, angewidert und extrem gereizt. Aber vor allem wollte ich in diesen Momenten nur weg, raus aus dem Zimmer, raus aus dem Haus.

Situationen wie diese gab es immer öfter und es gab sogar Momente, in denen ich plötzlich geschrien habe. Damals lebte ich noch mit sechs Geschwistern, meiner Mutter und meinem Stiefvater unter einem Dach. Die Beziehung zu meinem Stiefvater war zu der Zeit sehr schlecht, ich habe ihn regelrecht gehasst. Dafür gab es mehrere Gründe, seine Essgeräusche waren einer davon. Mit der Zeit war jede gemeinsame Mahlzeit mit meiner Familie die reinste Qual für mich und es war mittlerweile auch nicht mehr nur mein Stiefvater, der mich beim Essen angewidert hat. Inzwischen betraf dies auch meine Mutter, einen meiner Brüder und meine zwei Schwestern.

Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass ich teilweise angefangen habe zu weinen, weil mich die Geräuschkulisse so belastet hat. Wenn alles still war und sich jeder nur auf sein Essen konzentriert hat, habe ich angefangen mitten über den Tisch zu brüllen, dass sie sich „gefälligst unterhalten sollen“, mit dem Ziel die Essgeräusche durch Gespräche zu übertönen. Jedes Mal bin ich auf verstörte Gesichter gestoßen und wurde geschimpft, ermahnt, teilweise vom Tisch geschickt, was mir aber immer nur recht war. Irgendwann habe ich mir Ausreden einfallen lassen, um nicht mehr mit am Tisch sitzen zu müssen. Entweder musste ich „zufällig“ auf die Toilette und habe mich dort dann lange eingesperrt, um mich zu entspannen, oder ich hatte „keinen Appetit“, „Kopfschmerzen“, „Bauchschmerzen“, etc. Ab und zu habe ich auch als Grund genannt, dass ich die Geräusche bis ins Unerträgliche unangenehm finde, was aber nur belächelt wurde und das hat mich sehr wütend gemacht.

Meine offene und negative Meinung zum Essverhalten anderer war oft Auslöser für Streitigkeiten zwischen mir und meinen Eltern. Nicht selten habe ich so sehr die Kontrolle verloren, dass ich alle, insbesondere meinen Stiefvater, lautstark beleidigt habe. Diese Beleidigungen waren teilweise sehr verletzend, bspw. habe ich meinem Stiefvater einmal einen Zettel unter der Tür durchgeschoben, auf dem „Du isst wie ein Schwein!“ stand. Heute schäme ich mich dafür. Damals hatte das aber natürlich zur Folge, dass es zu immer größeren Spannungen zwischen mir und meiner Familie gekommen ist. Es waren aber schon länger nicht mehr nur Essgeräusche, die unerträglich für mich wurden. Inzwischen konnte ich den Moderatoren von „Deutschland Radio Kultur“ oder „Mitteldeutscher Rundfunk“ nicht mehr zuhören, ohne am ganzen Körper angespannt zu sein, da bei der Übertragung nicht nur die Stimmen der Personen, sondern auch die Nebengeräusche vom Sprechen zu hören sind (ein Kratzen in der Stimme, schmatzende Laute, usw.). Ungünstigerweise hören meine Eltern schon seit ich denken kann beide Sender.

Als mich mein Vater einmal mit zu einer Wanderung genommen hat, hat er mir erzählt, dass er ebenfalls Probleme mit Essgeräuschen hat und meinen Ekel gut nachvollziehen kann. Das war ein großer Moment in meinem Leben, da ich mich zum ersten Mal ernst genommen gefühlt habe. Mir ist schon vorher aufgefallen, dass er ab und zu das Gesicht verzogen hat, wenn wir zusammen gegessen haben, habe aber nicht weiter darüber nachgedacht. Nach diesem „Geständnis“ ist es mir aber immer öfter aufgefallen, vor allem in der Gegenwart von meinen kleinen Geschwistern, die damals noch so gut wie keine Essmanieren hatten. Ein weiteres Schlüsselerlebnis war der Umzug in ein anderes Bundesland, nur mit meiner Mutter und meinen einzigen beiden leiblichen Geschwistern. Dadurch hat sich für mich anfangs alles etwas entspannt, aber trotzdem ist der Ekel und die Wut geblieben. Das Verhältnis zu meinem Stiefvater hat sich zwar deutlich gebessert, aber sobald er uns besucht hat und wir gemeinsam gegessen haben, kamen in mir die ganzen negativen Gefühle zurück.

Immer wieder hatte ich den Drang wegzurennen, Türen zu knallen, loszuschreien, oder mit Gegenständen zu werfen. Im Laufe der Zeit wurden es immer mehr Geräusche, die in mir alles zum Explodieren brachten, bzw. immer noch bringen. Heute stören mich Essgeräusche aller Art, bspw. Schmatzen, Schlürfen, Knirschen (ganz besonders schlimm ist es im Kino, zwischen Menschen, die Popcorn oder Nachos essen), Trinken und die dabei verursachten Schluckgeräusche. Dabei ist es egal, von welcher Person sie kommen. Zusätzlich fällt es mir schwer mich in Räumen aufzuhalten, in denen geflüstert wird, was vor allem in der Schule ein großes Problem darstellt und dann gibt es noch die Stimmen von bestimmten Mitschülern oder bestimmte Sprechverhalten (Nuscheln, Lispeln), die sehr anstrengend für mich sind.

Schlimm ist es auch, wenn ich jemanden in meiner Nähe habe, der krank ist und immer wieder seine Nase hochzieht. Für andere ist es nur schwer nachzuvollziehen, wie es mir dann in solchen Situationen geht und immer wieder stoße ich auf Intoleranz. Das führte früher zu einem großen psychischen Druck und ich habe mich oft gefragt, warum nur ich das so wahrnehme. Für mich war es unverständlich, wie jemand das nicht auch ekelhaft finden kann. Schließlich kam meine große Schwester mit einer Zeitschrift zu mir und dort war ein Artikel über Menschen, die unter Misophonie leiden. Diesen Text zu lesen war unglaublich erleichternd für mich, denn endlich hatte ich eine Erklärung. Tagelang bin ich mit diesem Artikel herumgelaufen und habe ihn fast schon stolz dutzenden Menschen gezeigt, zuallererst meiner Mutter. Das Interesse meinerseits war groß und das Thema hat eine sehr wichtige Rolle in meinem Alltag eingenommen. Für mich ergaben sich neue Möglichkeiten, jetzt, wo ich wusste, dass das wirklich eine Krankheit ist, die man sogar in Teilen heilen, bzw. mindern, kann.

20.9.15 13:35





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